Interview 2009

Gila im Gespräch mit Friedrich Dickgießer (Kunstakademie Düsseldorf) & Peer Krischbin (Creative Director a. D.)

Gila, warum „Transparente Lyrik“ als Begriff?

Ich wollte eine klare Definition für meine Arbeit. Mit meiner Arbeit aus Wort und Schrift sorge ich für Durchsichtigkeit, der Visualisierung in außerordentlichem Maße, auf transparentem Material, auf Plastik, ein Produkt unserer Zeit, gemäß unserer Zeit.

Wozu die Transparenz der Lyrik?

Transparenz ist die Gegenwärtigkeit. Während es in der Architektur von Glasgebäuden nur wimmelt, interessiert es mich, was sich hinter der Glasfassade tut, „durchscheint“? Welche Worte, Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte…

Wie würdest du deine Arbeiten beschreiben?

Aus Buchstaben entstehen Worte. Aus Gedanken, Gefühlen und Stimmungen fügen sich Bilder, geschriebene Bilder. Buchstaben, Worte, Aneinanderreihungen von Wörtern. Verdichtungen, die ein Ganzes ergeben, werden mit Leben gefüllt, bekommen Gesicht und Ausdruck.

Was ist dir wichtiger? Das Wort oder die Optik?

Das ist nicht trennbar. Ein Wort hat ja bereits irgendeine Optik, denn es besteht aus Buchstaben. Nun ist die Frage, wie die Buchstaben in Szene gesetzt werden, wie sie geschrieben werden. Meist kommen mir erst die Worte und Texte, ich fülle sie mit Leben, indem ich ihnen eine Optik schenke, aber es kann durchaus sein, dass ich ein bestimmtes Bild im Kopf habe und dafür die passenden Wörter oder Texte schreibe. Und so manches Mal muss ein Text einfach ein Text bleiben, da spricht die Schrift, ob deutlich oder undeutlich, ob klar oder dick oder zart geschrieben, einfach der Ausdruck.

Du arbeitest insbesondere mit Licht, warum?

Gezielt eingesetztes Licht schenkt meinen Arbeiten die Vervollkommnung: Projektion, Schattenspiel und Mehrdimensionalitäten transportieren Freiheit, Intensität, Transparenz und Reflexion. Reflexion als Intention eines Ganzen.

Wie lange schreibst du schon?

Seit ich schreiben gelernt habe, … aber mir war niemals bewusst, wohin mich das führen würde… auch heute weiß ich es ja nicht …

Stimmt das, dass du nur auf dem Boden arbeitest?

Ja, das stimmt.
Das ist doch verdammt anstrengend …
Das ist Knochenarbeit und ich liebe es! Ich f ü h l e meine Arbeiten. Ich arbeite maximal 14 Tage am Stück, danach muss sich der Körper erst einmal erholen…

Wolltest du schon immer in die Kunst? Künstlerin sein?

Darüber hab ich nie nachgedacht und auch heute nicht! Ich b i n einfach und schöpfe aus mir.

Was treibt dich an, wen möchtest du mit deiner Kunst erreichen und was möchtest du beim Betrachter auslösen?

Der Mensch ist dermaßen kopfgesteuert, wir funktionieren nur noch, dabei sind wir mehr als funktionierende Körper. Japan lebt es seit Jahrzehnten: Mensch = Maschine. Wo bleiben die Emotionen?! Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und ich möchte den Menschen erinnern: fühlen, in sich hineinhorchen. Reflexion und Emotion! Die Zukunft macht mir manches Mal Angst, Angst, dass der Mensch das Menschsein vergisst und wahrhaftig zur Maschine mutiert. Ich arbeite dagegen.

Außerdem und in der Tat stimme ich mit Antoine de Saint-Exupéry überein: “Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse“. Wie schnell werden Worte und Sätze vollkommen unreflektiert ausgesprochen. Mit meiner Arbeit weise ich vehement auf Wort und Sprache hin, verleihe ihr Gewicht indem ich ihr eine Visualität schenke. Wenn ich mit nur einem Wort arbeite, dann auch um an das Bewusstsein der (vielfachen) Bedeutung zu appellieren, zu erinnern und somit das Wort aus dem vielfachen Automatismus des Umgangs mit der Sprache heraus zu heben. In Arbeiten, die nur aus einem Buchstaben oder zweien bestehen, wie bei meiner „K“ – Serie, sind auch die eigenen Assoziationen gefragt, die Phantasie muss angeregt werden – es geht doch nicht immer darum, was ich gerade für eine Stimmung hatte, welche Bilder und Intentionen ich verfolge, viel wichtiger ist doch, was beim Betrachter ausgelöst wird.

Mensch und Sprache sind mein Treibstoff!
Ich inhaliere die Menschen  und mache sie zu Buchstaben, für mich und für sie!

Warum hast du dafür genau diesen und nicht einen anderen Weg gewählt?

Im Zeitalter der Beschleunigung, der Technik, Computer, Handys usw. finde ich das Entgegenwirken gut, also „back to the roots“, zum handschriftlichen Schreiben. Das bedeutet wiederum Zeit. Meine Arbeiten sind weder schnell in der Entstehung, geschweige denn schnell im Erfassen. Die Transparente Lyrik erfordert Zeit. Und genau diese Zeit wird wieder zur persönlichen Zeit für den Betrachter, automatisch beginnt er mit dem Fühlen und Reflektieren.

Ich wüsste auch derzeitig keinen anderen Weg für mich, aber wer weiß, was noch kommt…

Künstlerische Vorbilder?

Viele einzelne Werke sprechen mich an. „Body of Language“ von Jaume Plensa und „Molecule Man“ von Jonathan Borofsky, einfach großartig! Die exakte Linienführung und Einfachheit der Motive von Keith Haring, verschiedene Arbeiten von Roy Lichtenstein, Escher, Ferdinand Kriwet, Jojo Ensslin, überhaupt die orientalische und asiatische Kalligrafie… – und Picasso hab ich immer schon geliebt, seine unzähligen tollen Arbeiten, und weil er aussah wie mein Großvater!

Dein Lieblingsbild von Lichtenstein?

Girl with Tear!

Uns kommen die Tränen… Du bist die Bestie…