M-Visuals

„… Mit höchster Konzentration und Perfektion schreibt Gila Abutalebi ihre Kreise auf Folien, während sie ihren kreisenden Gedanken intuitiv folgt, kraftvoll, filigran, stürmisch expressiv. Sie erzählt ihre Geschichte und unser aller Geschichte, von Einsamkeit, von Begegnungen, von unseren Schnittpunkten, unseren Lebenskreisläufen. Sie reflektiert über Zeit, wendet sich gegen die Oberflächlichkeit von gegenwärtiger Kommunikation, plädiert für ein Beisammensein. Auge in Auge mit dem Betrachter bespricht sie sich, denn was sind es anderes als Augen, die den Mittelpunkt der Kreise bilden und alles einzusaugen scheinen. Man denkt an Bildteppiche, an orientalische Ornamente. Gila Abutalebi verbindet das Abendland mit dem Morgenland, abendländische Schriftkultur mit orientalisch anmutender Form. Voller Bewegung sind die Kreise, auf mehreren Schichten von Folien „geschrieben“, in denen sich Licht und Schatten verfängt. Ich müsste Ihnen am heutigen Abend Taschenlampen austeilen, mit denen Sie sich die Werke erobern sollten, um der Plastizität und der Räumlichkeit der Werke zu folgen. Je nach Bewegung des Betrachters, bewegt sich auch das Sichtbare geheimnisvoll. Man ist auf dem ersten Blick fasziniert von der Ästhetik der Werke, der mitschwingenden Harmonie, der Farbigkeit und wenn man sich weiter vertieft, dann entbirgt der zweite Blick eine philosophische Dimension. Es gibt unendliche Deutungsmöglichkeiten! Möge sich die Macht der Freude, die positive Energie, die Reflexion von Material, Text und Zeit auf sie übertragen!…“

Karin Weber, Kuratorin & Galeristin, Vorstand Neuer Sächsischer Kunstverein, Dresden

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Gila Abutalebi: M –
oder alles Marylin Monroe oder was?

Das Alles ist gar nicht da.
Das Alles ist in Ihrer Seele.
Die Wände sind leer.
Die Welt ist leer.
Das Universum ist die leere Fülle.

Denn Mandalas verdeutlichen die Zeit, nicht die Materie. Und, ach ja, wie beiläufig treffe ich das erste Mal auf den Buchstaben M. Mandala. Materie. Die Zeit zerrinnt uns nicht zwischen den Fingern sandkörnig in die Ewigkeit. Am Anfang war nicht, wie wir erzählt bekommen haben, das Wort, nein, am Anfang war, zu denken, dass es einen Anfang gab. Und so, genau so, verlagert sich die Aufmerksamkeit unserer Kultur: Wir kümmern uns zunehmend darum, wie der Gedanke unsere Vorstellungen, und weiter noch, wie der Gedanke die Seele erschafft. Meiden wir aber den Gedanken, so wie östliche Philosophien es empfehlen, und halten das ewige Rad des Denkens an, was bleibt? Was bleibt von uns, wenn wir weder Anfang noch Ende denken, wenn der Gedanke aufhört, uns selbst zu denken, unsere Seele, unsere Zeit – und mit ihr unsere einzige
Gewissheit, unseren Tod?

Ah! Das schaffen wir doch gar nicht! Wie bloß könnten wir aufhören zu denken, unsere Gedanken wie Mantras vor uns herzusagen und damit uns selbst zu erschaffen? Und da ist nun das dritte Wort mit M. Mantra. Das, was von uns da ist, diese Materialisation (Nr. 4), steht im Zentrum eines Selbst – so will es die Künstlerin, Gila Abutalebi, die uns Zentren, Mitten der Welt, Orte des Nicht-Denkens vorgeschlagen hat. Und denken wir uns mittig, und ruhen wir in uns und im Universum und das Universum in sich und in uns, so haben wir die Startposition für Sterbliche (Menschen-auf-Zeit) eingenommen, um unser Denken zu revolutionieren: Die Gedanken – wie eine Badewanne voll mit altem kaltem Wasser – ablaufen zu lassen, und uns so leer gemacht, dann die Gefühle, die da strömen, ebenfalls zu beruhigen. Dieser Trost angesichts unserer Vergänglichkeit ist uns sicher: Und so ist es auch der Schwung, die Energie des Da-Seins, die aus der Form des Kreises oder des Rades strömt (des ewigen Symbols des Kreislaufs von Geburt, Altern, Krankheit, Tod).

Hier, direkt vor unseren Augen, die nur getäuscht werden, denn in Wahrheit, sofern von Wahrheit zu sprechen an diesem Ort noch Sinn macht, denn diese Bilder sind nicht da, sind sie doch in der Seele des Betrachters, und der Betrachter, wie auch die Welt, sind nicht wahr-unwahr, sondern das Da-Sein… Hier also, vor uns und in uns, drehen sich die Zahnräder, die Scheiben, in uns, wie in der Welt, findet diese Interaktion von Multi-Versen statt, das All findet statt, jawohl, wir, die leer geworden sind von unseren Sorgen, von unserem (Abschied)Schmerz und unserer Trauer. Unser Geist, wir, sind die Spiegel, die das Uhrwerk der Welt sichtbar machen; diesen Prozess der Zeitlichkeit, die jetzt nicht mehr nur uns betrifft, sondern zugleich alle, die da sind, das Da-Sein, das Leben selbst, die Gemeinschaft der Existierenden, des schwungvoll Lebendigen. Makro-Planeten, die um einander kreisen und die auf ihrer Laufbahn nie den Weg einer geraden Linie beschreiben, die nie vom Anfang zum Ende gehen, denn dafür müssten sie aufhören, zu leben, dafür müssten sie das Leben geradewegs verlassen, gerade das Leben müssten sie durchkreuzen, dieses kosmische System von gekrümmten Linien & planetarischen Kreisläufen, das sich permanent ausdehnt. Kerzengerade müssten Sie, mein Herr, meine Dame, Ihr Ego gegen den Schöpfer stellen – Ihre Vernunft, den Fluss Ihrer Gedanken, die immer wieder jeder nur Ihr Ego manifestieren. Sie müssten sich zum Kreator, zum Urheber eines Masterplans senkrecht erheben, wie in einer Revolte müssten Sie sich stark machen gegen das Schweigen und für eine Kultur der Kreatur des Geschwätzes. Mut zum Schweigen also! Lassen Sie sich dazu verführen, nicht mehr geschwätzig zu sein, hören Sie auf zu denken, halten Sie inne! Diese Bilder sind nicht da, sie sind in Ihrer Seele, Ihre Seele ist im Multi-Versum und das Multi-Versum sind wir. Was für eine glückliche Gemeinschaft! Ach! Ich habe den Menschen gefunden!

Kristóf Szabó, 2016