Rezension

Ein Buchstabe im Alphabet wie jeder andere? Mitnichten! “k” – das ist “Krieg”, “Körper”, “Kunst”, “Kopulation” – und so vieles mehr. Krass! Gila Abutalebi führt den Buchstaben zurück zu seinem Ursprung, der Linie, und macht uns aufmerksam auf die Fragilität der Schrift, eines Konstrukts aus Buchstaben bestehend, aus Linien eben, welche wir im Kopf zu Buchstaben zusammensetzen, damit sie etwas darstellen, repräsentieren, bedeuten. “k” – ist nicht nur der Anfang eines Wortes, “k” ist der Spiegel unseres Verstandes, der stets Information braucht und missbraucht, der aus einem Buchstaben ein ganzes Wort macht, aus “k” Kommunikation. Anlass zu diesem Selbstbetrug ist die Suche nach dem Sinn, welchen Sinn hat der Buchstabe “k”? – Unsere Sinn-verhaftete Welt lechzt nach Antworten – doch die Erfahrung mit einem “k” ist eine ganz andere, sie ist sinnlicher Natur. Wen wundert es also, dass der künstlerische Prozess, wie Gila Abutalebi ihre Malerei („Schreiberei“) immer weiter vorantrieb und entwickelte, ein Prozess des wachsenden Widerstandes gegen die Bedeutung von Worten war und der der Hinwendung zum rein kalligraphischen, zu einer purer Kalligraphie im absolut eigenem Stil? Gila Abutalebi leistet Aufklärung, denn sie dekonstruiert prozesshaft den Sinn der Schrift, des Kernstücks unserer abendländisch-abrahamitischer Kultur. Anfangs ganze Gedichte, dann ganze Sätze, später einzelne Worte, ist aus alledem der Buchstabe „K“ geblieben, ein Zeichen? – Anfangs vielleicht, doch bald nur noch die pur geführte Linie, die körperliche Erfahrung der Linienführung im Oberkörper, Arm, Handgelenk, Hüfte und Knie. Sie schafft reine Projektionsflächen für den Betrachter, den Denker, entzaubert und führt vor; Abutalebi räumt den Weg frei für eine besondere Erfahrung: sie enthüllt durch den Akt des Schreibens die Sinnlichkeit der Welt, macht den Sinn-Inhalt des Lebens eben nicht durch die Konstruktion von Wahrheiten (zum Schein) denkbar, sondern macht sie körperlich erlebbar durch die Wahrnehmung der offen zutage tretenden Sinn/-lichkeit. Wer würde nach dem Sinn des Lebens suchen, wenn er/sie die Sinnlichkeit der Welt erfahren würde? Sicherlich dem Tod verhaftet, ist dies nichts anderes, als Demut, Demut vor der lebendigen und der toten Materie, vor dem Sein. Und – wie wir aus den Lehren aller Weltreligionen wissen – Demut ist der Schlüssel zum wahren Glück.

Kristóf Szabó, 2015

 

Ungesehen. Unbeschreiblich. Unglaublich. Ein unbekannter Autor schreibt: „Orientalisch, persische Kreativität wird verbunden mit westlicher Realität und Innovation …“ Die Künstlerin selbst nennt ihre Arbeit Transparente Lyrik. Nun präsentiert sie ihre Serie „In Love with K – K Visuals“.

Die Deutsch-Iranerin ist eine Ausnahmekünstlerin. Besser noch: ihr Werk ist eine Ausnahmeerscheinung auf dem Kunstmarkt. Das verwandte Material wie die bearbeiteten Themen und die Art ihrer Darstellung verleihen dem Oeuvre ein Alleinstellungsmerkmal in der Welt der vielfach von Picasso oder Warhol beeinflussten Plagiaten. Transparente Materialien und leichte Farben werden hier verwendet, die teils in mehreren Schichten übereinander gelegt in ihrer Mehrdimensionalität geradezu einen Schwebezustand erlangen. Der Hintergrund ist gekennzeichnet von einem vollkommenen Gleichmaß der verwandten, traditionellen nicht gegenständlichen Formen. Mit ihnen wird die ganze Fläche in einheitlicher Farbgebung gestaltet. Die darüber liegende Schicht oder Schichten wenden sich der Darstellung der Gegenwart oder sogar der Zukunft zu. Sie sind also der Vergangenheit im wörtlichen Sinne „vor-gehängt“. In Gebärde und Ausdruck bilden sie das diametrale Gegenteil der Vergangenheit: unbestimmter, größer und wohl auch gröber gestaltet, aber expressiver, ja geradezu explosiv in der Aussagekraft. Alles das eine zutreffende Charakterisierung von gestern, heute und morgen. Das Gestern kennen wir im Detail, das Heute und das Morgen sind unbestimmt, unklar, allenfalls mit dem Herzen sichtbar. Die Werke beziehen aus dieser Korrespondenz, ja besser gesagt, Konkurrenz, ihre ungeheure Spannung.

Mit einer spürbaren Liebe, unendlichen Farbspielen, bis hin zum Kampf der Zeitalter, der Buchstaben, Gefühle und sogar der Welten schreibt die Künstlerin ihre Werke. Seit bald zwei Jahren visualisiert sie den Buchstaben „K“ auf ihre Weise in seiner ungeheuren sprachlichen und kulturellen Bedeutungsvielfalt. Es entstehen die „K Visuals“ . Das K wird zum Held ihrer Kunst. Dass ein Buchstabe und kein Wort visualisiert wird, erlaubt eine viel größere Deutungsvielfalt. Vom absolut Negativen bis zum hoffnungsvoll Positiven. Es gibt also das gute „K“ (Kuss),wie auch das böse „K“(Krieg). Auch K-opflose K-reaturen, K-ommunikation, K-orruption, K-reation, K-ettenreaktion, K-onflikt. Die dargestellten Deutungen beruhen auf der Reflektion der K-ünstlerin. Die Reflektion kann zur Gegenreflektion werden. Diese mag sich zwar vielleicht nicht jedem direkt erschließen. Aber derjenige wird reich belohnt, der sich die Mühe macht, sich mit dem Inhalt des Bildes detailliert auseinander zu setzen. Fern ab ist Gila Abutalebi von jeglicher Bevormundung des Betrachters. Dieser wird im Gegenteil aufgefordert, eigene Überlegungen und Sinndeutungen anzustellen. Die Künstlerin sieht sich primär in der Rolle der Fragenden, die Fragen kommuniziert und die dem Betrachter Spielraum für eigene Antworten lässt. Jedenfalls wird die „Kunst Abutalebi“ damit der Aufgabe gerecht, die wir heute der künstlerischen Darstellung überwiegend geben – nämlich, sich gesellschaftskritisch zu Wort zu melden. Nicht fototechnisch nicht verbal transportieren ihre Werke die volle Wirkung, sie sind durch das gezielt eingesetzte Lichtspiel ein absolutes Live-Erlebnis. Wenn Leben künstlerische Entwicklung ist, dann haben wir von der jungen lebendigen, vor Originalität sprühenden Künstlerin noch manches zu erwarten.

Herwig Nowak, 2013

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